05.02.08Nicht nur (r)eine Designfrage
Die Anforderungen an zeitgemäße und benutzbare Weboberflächen haben sich signifikant verändert. Vom Webdesigner zum Web Interface Designer. Der Zusatz Interface trägt den jüngeren Entwicklungen Rechnung, dass Desktop und Web immer stärker in Richtung eines universalen Anwendungsraums verschmelzen - so auch die visuellen Schnittstellen (GUIs) als primärem Interaktionselement.
Das erfordert ein Umdenken und als Webdesigner steht man vor der Herausforderung sich mit weiteren Themen zu beschäftigen. Heute vermischen sich oft unbemerkt die klassischen Websites mit Anwendungen. Die einfache Zusammenstellung und Verbreitung guter Inhalte, sowie deren ansprechende Präsentation reichen heute nicht mehr aus. Das Ziel besteht in einem ganzheitlich gelungenen Nutzungserlebnis (Userexperience). Wichtige Disziplinen sind Informationsarchitektur, Interaktionsdesign, Usability Engineering, Visual Design und Prototyping.
Ansätze zur Bewältigung steigender Komplexität
Der Wandel bringt folglich eine wachsende Komplexität mit sich, der es mit effizienten, effektiven und einfachen Ansätzen zu begegnen gilt. Schlagworte sind:
- Problemlösung
- Design der Interaktion
- Einfachheit
- Von außen nach innen
Problemlösung
Nutzer kommen bereits mit konkreten Anforderungen und Erwartungen auf einer Website oder -anwendung an. Diese ergeben sich aus konkreten Problemen, Aufgabenstellungen oder Zielsetzungen. Gerade das Userinterface, als sichtbarer und interagierender Bestandteil der Webanwendung, muss ihnen dabei die bestmögliche Unterstützung bieten. So muss bereits bei der Konzeption der Interaktion (Interaktionsdesign) und der Gestaltung der Oberflächenmodule und -elemente, eine Berücksichtigung dieser Problemstellungen und Aufgaben erfolgen.
Design der Interaktion
Während in der ersten Dekade des Web die meist reine Informationsaufnahme und -verbreitung im Vordergrund stand, müssen heute verschiedene Formen der Interaktion unterstützt werden. Das bedeutet mehr als den bloßen Einsatz von Formularen zur Verarbeitung von Daten und Anfragen. Die Disziplin ist Interaktionsdesign.
Das Ziel darf auch nicht darin bestehen, möglichst gleich alles zu zeigen, was die Anwendung kann. Unnötige Zwischenschritte bzw. Klicks sind zu vermeiden. Nicht immer müssen die Nutzer dazu genötigt werden, wiederholt oder auch unnötig Eingaben vorzunehmen. Oft ist die Anwendung intelligent genug, bzw. liegen ihr benötigte Daten schon vor und können im Hintergrund weiterverarbeitet werden. Wichtig ist vor allem die Orientierung an den Nutzeraufgaben und der dafür nötigen Handlungsschritte.
Einfachheit - Keep it simple!
So einfach wie möglich, so einfach wie nötig. Je mehr Elemente ein Nutzer in einer Ansicht erfassen muss, desto weniger Gewicht hat das einzelne Element. So besteht die Gefahr, dass wichtige Inhalte übersehen werden oder das Ziel schwerer erreichbar ist. Jede Seite/Ansicht sollte sich nach Möglichkeit auf die für den aktuellen Kontext relevanten Inhalte und Elemente beschränken und sich an konkreten Szenarien orientieren. Die Nutzer können dadurch besser bei der Problemlösung und/oder der Aufgabenbearbeitung unterstützt werden. Die Abläufe werden komfortabler, schneller und schließlich effizienter.
Von außen nach innen - Outside In
Der heute oft erfolgreiche verfolgte Ansatz besteht darin, Websites und -anwendungen von außen nach innen zu entwickeln. Nicht die Funktionen geben die Oberfläche vor. Sondern umgekehrt geben oft konkrete Problemstellungen oder zu lösende Aufgaben die Rahmenbedingungen für das Interaktionsdesign vor. Danach organisierte und gestaltete Oberflächen bedingen einen großen Teil der späteren Funktionsweise - unabhängig von einer noch tieferliegenden Programmlogik. Im konkreten Beispiel: Es ist nicht die ausklappbare, in bestimmter Form programmierte, Liste die zuerst da ist. Vielmehr ist es so, dass ein konkretes Interaktionsdesign möglicherweise den Einsatz eines solchen Features erfordert.
Fazit
Web Interface Design folgt nur auf den ersten Blick alleine den Regeln des guten (subjektiven) Geschmacks. Im Urteil der Nutzer orientiert sich der Gesamterfolg vielmehr an einem rundum gelungenen Nutzungserlebnis (Userexperience) - gutes Design rundet dieses ab.
Das positive Nutzungserlebnis ist Ergebnis aus Benutzbarkeit, effizientem Interaktionsdesign und nicht zuletzt ansprechender Oberflächengestaltung. Die Frontenddesigner und -entwickler müssen dementsprechend entweder ihre Fertigkeiten weiterentwickeln oder die Zusammenarbeit in interdisziplinären Teams suchen, lernen und leben.
Die Kernfrage, die es schließlich mit ja zu beantworten gilt lautet: Konnte die Webanwendung/-site mein ursprüngliches Problem lösen, mir die gewünschte Transaktion reibungslos ermöglichen oder mir die gesuchte Information liefern und habe ich mich dabei gut “gefühlt”?
Außerdem erschienen bei contentmanager.de: http://www.contentmanager.de/magazin/artikel_1785_web_interface_design.htmlÂ








Jürgen Liechtenecker am Feb 6, 2008 | Reply
Jan am Feb 6, 2008 | Reply
Leo am Feb 7, 2008 | Reply
Ich frage mich oft bei einigen Webanwendungen wie G**glemail z.B., warum sie so wenig (in meinen Augen)”benutzerfreundlich” programmiert sind. Bei so vielem Geld sollte man doch in der Lage sein, ein Paar Benutzbarkeits-Tests durchführen zu lassen. Vielleicht war in dem Fall eben so, dass die Benutzeroberfläche aus der notwendigen Funktionalität heraus entstanden ist und nicht umgekehrt.
Gruß
Leo
Björn am Feb 7, 2008 | Reply
Das ist ein zentraler Punkt, den ich auch aus der Praxis heraus nachvollziehen kann. Ein anderer sind oft enge Zeitvorgaben und Prioritäten.
Michael Aringer am Mrz 4, 2008 | Reply
Ein guter Artikel, Danke
Michael
Telekonsum am Mrz 19, 2008 | Reply
Ralph am Mrz 28, 2008 | Reply
Einige der Probleme wurde von Björn bereits in seinem Kommentar angesprochen- enge Zeitvorgaben & Prioritäten. Ein weiteres Problem stellt meiner Meinung nach der finanzielle Aspekt dar. Ein Webdesigner der auf Qualität achtet, hat seinen Preis. Existenzgründer, die üblicherweise sparsam mit ihrem Budget umgehen sollten, werden diesen Webdesigner wohl kaum nehmen, sondern eher selbst das Webprojekt umsetzen oder halt Qualitätsabstriche in Kauf nehmen.
Ich finde es wichtig, dass der Verantwortliche eines Webprojekts das Rückrad besitzt und dem Auftraggeber auch mal ein deutliches “Nein!” sagt, wenn es zum Nachteil der Zielgruppe ist und somit letztendlich auch zum Nachteil des Erfolges des Webprojekts und des Unternehmens wird.
Ein schönes Wochenende aus Dresden wünschend
Ralph
kontur am Apr 7, 2008 | Reply
Ich persönlich finde leider, dass auch in diesem Artikel ganz modisch Einfachheit und Usability als das Ultimative Mittel zu erfolgreichem UI Design angepriesen wird. Leider, da sich dabei ein fader Beigeschmack von überübersichtlichen und eben auch langweiligen Webseiten und -anwendungen breit macht.
Einfachheit und Funktionalität sind dabei meiner Ansicht nach keineswegs zu vernachlässigen, und auch nicht gegensätzlich, aber Aspekte wie “spielerische Interaktion” aber auch visuell anregende und nicht standardisierte Interfaces können Benutzer in einen Dialog und somit an die Seite binden.
Selbstverständlich ist Inhalt und Zielpublikum eben so ausschalggebend für die Gestaltung und Strukturierung einer Webseite, aber meiner Ansicht nach ist visuelle Kommunikation im Endeffekt eben: visuell.